Wo viel Licht ist, ist auch Schatten

Die Lichtverschmutzung schädigt Flora und Fauna. Die Biodiversitätsverluste sind insbesondere bei Insekten enorm. Selbst Bäume leiden unter den künstlichen 24-Stunden-Tagen

Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnt in der Dunkelheit das Nachtleben unzähliger Arten. Diese haben ihren Lebensraum fern jeglicher Lichtquellen, oft genug im Wald – so etwa Fledermäuse, der Waldkauz, die Haselmaus oder das Glühwürmchen. Auch die Flora stellt sich um: Die Photosynthese von Pflanzen wird ohne den Energiespender Sonnenlicht eingestellt, Waldbäume vermindern bei Dunkelheit ihre Wachstumsvorgänge. So war das tausende von Jahren. Dann erfand der Mensch das Feuer, später die Öllampe, die Wachskerze, die Petroleumlampe und schließlich das Kunstlicht. Das inzwischen allgegenwärtige Licht brachte ökonomischen Fortschritt, verringerte Armut und machte uns zu einer 24-Stunden-Gesellschaft. Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Satellitenbilder zeigen, dass nur noch auf etwa 25 Prozent der Fläche Deutschlands, vorwiegend Wälder, natürliche Dunkelheit existiert. Der jährliche Zuwachs an Lichtverschmutzung liegt hierzulande nach Aussage des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) bei rund sechs Prozent. Lichtimmissionen können aber die Artenvielfalt, insbesondere der Insekten, teils massiv beeinträchtigen.


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Insekten sind für den Menschen unersetzlich

„Insekten sind die artenreichste Gruppe aller Lebewesen und stellen über 70 % der Tierarten weltweit. Auch für die heimischen Wälder sind sie durch ihre vielfältigen ökosystemaren Funktionen unersetzlich. Durch unsere nachhaltige und naturnahe Waldwirtschaft schützen wir nicht nur Insekten, sondern fördern sie auch“, erläutert Volker Gebhardt, ThüringenForst-Vorstand. Für den Menschen sind die Leistungen der blütenbestäubenden Insekten von zentraler Bedeutung, bestäuben sie doch 80 % aller Nutzpflanzen. Insekten bilden aber auch die Nahrungsgrundlage für Spinnen, Vögel, Reptilien, Amphibien und Säugetiere. Am und im Boden sind Insekten Teil der Nährstoffkreisläufe sowie die Humusbildung. Im Wasser lebende Insektenlarven tragen zur Gewässerreinigung bei. Gerade unter Insekten finden sich viele nachtaktive Tiere, die spezielle Sensoren zur Dunkel-Orientierung haben.

Forscher sind sich einig: Licht ist ein Insektenkiller

An einem Laternentestfeld in Brandenburg erforschen Ökologen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei seit 2012 die Lockwirkung von Laternenlicht. Wurden Hell-Dunkel-Felder verglichen, so fanden sich an Straßenlampen bis zu 267-mal so viele Insekten. Die Lampen wirken wie Staubsauger, die Insekten werden angezogen, umkreisen die Lichtquellen bis zur Erschöpfung und stürzen sodann auf den Boden, wo die Fressfeinde schon warten. Künstliche Lichtquellen, da sind sich die Forscher einig, greifen massiv ins Verhalten der Insekten ein. Weiterer fataler Effekt: Linear angeordnete Lichtquellen, etwa entlang von Straßen, wirken wie ein künstlicher, unüberwindbarer Zaun. So werden Insektenpopulationen zergliedert und deren Genpool eingeschränkt.


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Selbst Bäume leiden unter zu viel Licht

Laubbäume werfen unter der langanhaltenden Beleuchtung -also vermeintlich kürzeren Nächten- ihre Blätter später ab und bereiten sich so verzögert auf den Winter vor. Mit der Folge, dass ihre Spätfrostgefährdung deutlich ansteigt. Auch wachsen Blätter besonders groß – ebenfalls eine Folge von Dauerlicht. Und nicht zuletzt: der Rückgang der Insekten führt zu eingeschränkter Insektenbestäubung bei vielen Bäumen und damit zu einer reduzierten Produktion von Samen und Früchten.

„Der Verlust an Biodiversität hat viele Ursachen. Ein sorgfältigerer Umgang mit Licht ist dringend nötig“, so Gebhardt abschließend.

Text: Horst Sproßmann; Foto: ThüringenForst